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Fabrikmuseum

Wohlfahrtseinrichtungen der Nordwolle

von Frauke und Peter Frese

(Layout: Klemens Manemann)

Hier finden Sie Informationen zu den Wohlfahrtseinrichtungen der Nordwolle.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines zu den "Betrieblichen Fürsorgemaßnahmen"
Wohneinrichtungen
Gesundheitswesen
Kinderbetreuung
Sonstige Sozialeinrichtungen
Religiöse Fürsorge


Allgemeines zu den "Betrieblichen Fürsorgemaßnahmen"


Seit der Gründung der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei AG im Jahr 1884 wurden von der Firmenleitung verschiedene Einrichtungen der sozialen Fürsorge ins Leben gerufen. Damit wurde der Grundstein für ein System der betrieblichen Wohlfahrtseinrichtungen gelegt, das dann später die Beschäftigten der Nordwolle von der Wiege bis zur Bahre begleitete.

Aus heutiger Sicht ergab sich dadurch eine starke Abhängigkeit der Belegschaft von der Fabrikherrschaft. Es wäre müßig, nun darüber zu streiten, ob diese Bindung von der Firmenleitung bewusst gewollt, und ob die Arbeiterschaft diese "Fessel" als solche erkannte.

Bei Krupp in Essen zum Beispiel gab es bereits zahlreiche betriebliche Wohlfahrtseinrichtungen (ein Begriff der damaligen Zeit), und es ist anzunehmen, dass besonders Krupp die Familie Lahusen in ihrem gleichgearteten patriarchalischen System der Fürsorge beeinflusst hat.





Mädchenwohnheim und Arbeitersiedlung Heimstraße


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Wohneinrichtungen


Mit dem Aufbau der Fabrik ging auch gleich der Bau von Wohnungen einher. 1884/85 entstanden Arbeiterhäuser an der heutigen Nordwollestraße, 1885 entstanden "Beamtenhäuser" für leitende Angestellte am Fabrikhof, ab 1900 wurden 60 Häuser mit 140 Wohnungen in der Heimstraße, Pappelstraße, Birkenstraße und Eichenstraße gebaut.

Das 1884/85 errichtete Mädchenlogierhaus wurde 1898 durch ein Mädchenheim (heute Seniorenheim) ersetzt, das Männerlogierhaus durch ein Jünglingsheim an der ehemaligen Birkenstraße und ein Junggesellenheim für jüngere ledige Beamte (Angestellte) an der Hasbergerstraße..

Der Wohnungsbau war eine zwingende betriebliche Notwendigkeit, ohne den die Anwerbung von geeigneten Arbeitskräften unmöglich gewesen wäre. Bei vielen größeren Betrieben finden wir noch heute Arbeitersiedlungen, die bei der Industrialisierung entstanden sind.





Ein Zimmer im Wolle-Krankenhaus


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Gesundheitswesen


Eine Betriebskrankenkasse gab es seit der Betriebsgründung. Obgleich gesetzlich vorgeschrieben, wurde sie doch von der Firma zu den Wohlfahrtseinrichtungen gezählt. Die Leistungen dieser Kasse gingen über die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestforderungen hinaus.

Lange bevor es ein öffentliches Bad in Delmenhorst gab, wurde 1886 eine Badeanstalt auf dem Fabrikgelände eingerichtet.

Seit 1888 betreute ein Werksarzt die Betriebsangehörigen, eine Krankenstation war mit der Dienstwohnung des Arztes verbunden. 1890 wurde ein Werkskrankenhaus an der Stedinger Straße eingerichtet. Es folgte ein Wöchnerinnenheim und ein Kurhaus in Elmeloh.

Ebenso wie im Ruhrgebiet brachte auch in Delmenhorst die schnelle Industrialisierung eine Reihe von Missständen mit sich. So belastete z.B. die Arbeit in einer Textilfabrik in hohem Maße die Atmungsorgane. Die Firmenleitung versuchte durch die Fürsorgemaßnahmen auszugleichen. Im Vordergrund stand jedoch das Interesse an der Erhaltung der Arbeitskraft.





Kinderbetreuung im Säuglingsheim


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Kinderbetreuung


Schon seit 1886 gab es verschiedene Einrichtungen zur Kinderbetreuung, wie Säuglingsheim, Kinderspielschule und Kinderhort.

In der Textilfabrikation waren überwiegend Frauen beschäftigt, die auch als Mütter auf die Einkünfte aus der Fabrikarbeit angewiesen waren. Die Unterbringung der Kinder in Pflegefamilien führte oft zu Vernachlässigungen und die Säuglingssterblichkeit in Delmenhorst war sehr hoch.

Durch die betrieblichen Einrichtungen versuchte man, diese "Zustände" zu verbessern. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass die außergewöhnlich hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit, verursacht durch unhygienische Wohnverhältnisse, durch die gemeinsamen Anstrengungen der Stadt und der Fabrik nicht gemindert werden konnte.




Konsum der "Wolle" im
Privatweg (um 1905)

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Sonstige Sozialeinrichtungen


Seit 1889 bestand eine Rentenversicherung, und neben der gesetzlich vorgeschriebenen Unfallversicherung unterhielt das Werk noch eine Alters- und Invaliditätsversorgung und zahlte ein Sterbegeld. Es gab einen Arbeiterunterstützungsfond und einen Fond zum Besten der Arbeiter und Beamten (1900/1905). Aus diesen Fonds wurden zum Teil Wohlfahrtseinrichtungen finanziert.

Später gingen sie in anderen Einrichtungen auf, wie in der 1906 gegründeten Pensionskasse für Fabrikbeamte und Angestellte.

Nach dem Konkurs 1931 wurde in der NS-Zeit ein Arbeiter- und Angestelltenunterstützungsfond eingerichtet, 1942 wurde die NW&K-Gefolgschaftshilfe gegründet.

Der 1893 gegründete Konsumverein der NW&K ermöglichte preiswertes Einkaufen. Der Rabatt betrug meistens 10 bis 12 Prozent. 1900 kam noch eine Bäckerei hinzu. 
1905 wurde die Speiseanstalt eröffnet, in der ursprünglich nur die Angestellten eine warme Mahlzeit einnehmen konnten, die Arbeiter jedoch zu verbilligten Preisen während der Pausen Brötchen und Getränke erwerben konnten.

1926 war das Gründungsjahr des Sportvereins "Nordwolle e.V." Der 1884 von Wilhelm Benque für die Familie Lahusen angelegte Wollepark war erst zur NS-Zeit der Öffentlichkeit zugänglich.





Pastor Grell mit jungen Arbeiterinnen


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Religiöse Fürsorge


Eine Sonderstellung nimmt die religiöse Fürsorge durch die Fabrikherrschaft ein, für die es im Gebiet des damaligen Deutschen Reichs keine Vorbilder gab. 1897 wurde ein evangelischer Werkspastor für die Betreuung der Delmenhorster Fabrik eingestellt. Carl Lahusen, der Fabrikherr, betrieb die Schaffung einer unabhängigen Werksgemeinde durch Einrichtung einer Kapelle im Mädchenwohnheim und den Bau eines Pastorenhauses auf dem Werksgelände. Dem Geistlichen oblag auch die Entwicklung eines christlichen Vereinswesens.

Wenn auch der Fabrikgeistliche bei der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte half, so haben doch wohl nicht nur wirtschaftliche Überlegungen, sondern auch das christlich protestantische Selbstverständnis der Familie Lahusen den Ausschlag für diese Einrichtung gegeben. Erwähnt sei noch, dass von der Firmenleitung kein Druck auf Andersgläubige ausgeübt wurde. Pünktlichkeit und Gehorsam gegenüber kirchlicher und weltlicher Obrigkeit, Anstand und Fleiß waren die Leitgedanken dieser sittlichen Erziehungsziele.

 
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