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Schlachtfest und Kleintierhaltung
 bei den Wolleanern

von Rudolf Nistler

(Layout: Klemens Manemann)

Fast an allen Wollehäusern wie z.B. in der Pappel-, Heim- und Eichenstraße wie auch Franken-, Wenden- und Holsteinerstraße war mit Bedacht ein Nebengebäude mit Waschküche, Toilette und Viehstall angebaut.

Wer also wollte, konnte sich durch Kleinviehhaltung wie Schweine, Kaninchen und Hühner, manchmal auch Enten, Gänse oder gar Ziegen und Schafe den Speiseplan zwar arbeitsaufwendig, jedoch entsprechend abwechslungsreich mit Fleisch, Eiern und Milch aus eigener Produktion aufbessern. Ein dazu gehörender ausreichender Obst- und Gemüsegarten trug außerdem dazu bei.

Der Viehstall war meistens in 2 Boxen unterteilt. Die Schweinebox, ausreichend für bis zu 3 Tieren, war entsprechend mit Futtertrog und Fütterungsklappe sowie Sommerauslauf ausgestattet. In der zweiten kleineren Box fanden Ziege, Schaf, Hühner oder Kaninchen Platz. Auf dem Dachboden wurde Heu und Stroh gelagert.

Aber jede Viehhaltung erforderte natürlich erheblichen Zeit- und Arbeitsaufwand und war außerdem mit nicht immer angenehmen Gerüchen verbunden. Für Mensch und Vieh gab es nur eine Fäkaliengrube, aber ohne Spülung. Im Sommer war dann immer Kampf angesagt gegen Geruch, Fliegen und Maden.

Zweimal im Jahr musste die Grube mindestens entleert und die Jauche als Dünger auf die Pazellen gebracht werden. Natürlich erfolgte dies alles in Handarbeit mit Schöpfer und Eimer. Man roch danach schlimmer als das Borstenvieh. Der Misthaufen in einer Gartenecke gehörte zum gewohnten Anblick.

Zum Werksgelände der Norddeutschen Woll- und Kammgarnspinnerei NW&K gehörten sehr viele Ländereien zwischen der Thüringerstraße und der Delespa, an der Franken- und Hessenstraße und an der Wenden- und Holsteinerstraße. Diese Ländereien wurden, aufgeteilt in Parzellen, den Wolleanern gegen einen geringen Pachtzins zur Nutzung überlassen.

Außer den für Mutters Küche benötigten Gemüsen wie Erbsen, Bohnen, Wurzeln und Kartoffeln konnte auf diesen Parzellen das nötige Futter wie Rüben. Mais, Roggen, Hafer und Gerste für das gehaltene Kleinvieh angebaut werden. Dieser Zuerwerb kostete viel Freizeit und so manchen Schweißtropfen.

Mit der täglichen Viehfütterung waren die Hausfrau und die schon etwas größeren Kinder reichlich belastet, waren doch in vielen Familien manchmal vier, fünf oder sogar mehr Kinder zu versorgen.

Bis zu einem Schlachtfest mussten erst mal viele Dinge vorab erledigt werden. Ferkel oder auch Läufer (3 - 4 Monate alte Jungtiere) kaufte man im Frühjahr auf dem Delmenhorster Viehmarkt, der wöchentlich auf dem Marktplatz abgehalten wurde. Einmal im Monat, auf einem Freitag, fand der Ferkelmarkt am evangelischen Kirchplatz statt. Es wurde nicht einfach gekauft, sondern per Handschlag gehandelt. Manch guter Handel wurde anschließend bei Hajehusen in der Gaststätte zur Schere (heute Megaron) ausgiebig begossen. 

Gefüttert hat man mit allem was Garten und Parzelle hergaben. Im Herbst sammelten die Kinder Eicheln. Zusatzfutter wie Futtermehl, Kleie, Hafer und Stroh wurde wenn nötig bei Mühle Sudmann oder Plate gekauft.

Bei den Futtermittelhändlern ist meistens auf Kladde gekauft worden. Um diese Ausgaben zu begleichen, musste in der Regel ein Schwein mehr gefüttert werden. Dieses wurde dann verkauft und mit dem Erlös die aufgelaufenen Schulden abbezahlt.

Um die kleinen Ferkel auf ein Schlachtgewicht von 220 - 260 Pfund zu bringen, dauerte es einige Monate. Erst wenn das geschafft war, konnte das sogenannte Schlachtfest starten. Der Hausschlachter wurde bestellt. Es waren selbst alles Wolleaner wie z.B. Karl Wohner, Walter Rosenkranz oder Hermann Körner, die diese erlernte Fertigkeit nach Feierabend oder an den Wochenenden ausführten. In anderen Gegenden, wo Hausschlachtung ja ebenfalls üblich war, waren es oft im Winter arbeitslose Bauhandwerker, die sich ein Zubrot mit ihrer Fertigkeit verdienten.

Die störrische Jolante wurde an einer Hinterpfote gefesselt und laut quiekend und widerspenstig auf den Hof geführt. Dort wartete der Schlachter, um das Tier mit einem gezielten Schlag seines Schlagbeiles zu betäuben. Dem niedergebrochenen Tier durchtrennte er dann die Halsschlagader. Das austretende Blut musste in einer geeigneten Schüssel unter ständigem Rühren (es durfte nicht gerinnen) aufgefangen werden, um es später bei der Herstellung von Blut- und Beutelwurst zu verwenden. Das Schwein wurde dann in den sogenannten Schweinetrog (Sarg ohne Deckel) zum Abbrühen gelegt. Mit viel heißem Wasser und unter Verwendung einer sogenannten Glocke hat man ihm die Borsten abrasiert. Das Nachputzen erledigte der Hausschlachter mit einem seiner rasiermesserscharfen Schlachtermesser, von denen er immer mehrere verschiedenartige in einem Köcher bei sich hatte.

Glattrasiert wie ein Kinderpopo wurde das Schwein nun an einer Holzleiter mit den Hinterpfoten festgebunden und an der Hauswand aufgerichtet. Dann machte sich der Schlachter an das Aufbrechen. Vom Stert bis zum Hals wurde dem Tier der Bauch fachgerecht aufgeschnitten. Diese Arbeit musste sehr sorgfältig ausgeführt werden, denn fast alles, ob Magen, Darm oder die Organe wie Leber, Lunge, Herz und Nieren fanden später in der Wurstküche wieder Verwendung. Das oder die ausgeschlachteten Tiere mussten nun, es war ja immer in der Winterzeit, an der Leiter bis zum nächsten Tag aushängen (auskühlen). Bevor es dann an das Wursten gehen durfte, musste der Fleischbeschauer, wie auch heute noch, das Fleisch und die Organe begutachten, ob das Tier auch gesund war (Trichinenschau). Erst mit seinen 4 Stempeln am Bauchspeck und auf den Schinken war das Weiterverarbeiten erlaubt.

Nun konnte der Hausschlachter seine Kunst und Kenntnis zeigen, ein Schwein so zu zerlegen, dass Kochwurst, Mettwurst, Blut- und Beutelwurst, Bratwurst, Sülze und einige andere Spezialitäten daraus hergestellt werden konnten.

Schinken und Speck wurden ausgelöst und in Holzbottichen eingesalzen, um später geräuchert zu werden. Potschen und Dickbein wurden in einer Salzlache zum Pökeln eingelegt. Die Flomen wurden abgenommen und von der Hausfrau zu Schmalz und Griebenschmalz verarbeitet. Der in jeder Waschküche vorhandene ausgemauerte Waschkessel mit emailliertem Einsatz musste nun wieder unter Dampf gesetzt werden. Diente er doch sonst der Hausfrau zum Wäschewaschen und an den Wochenenden der ganzen Familie zum Aufheizen des Badewassers zur wöchentlichen gründlichen Körperpflege, so wurde aus ihm einmal im Jahr ein Wurstkessel.

Zur Verarbeitung in die Wurst musste zunächst ein Teil des Fleisches und die Organe gekocht werden. Für jede Wurstsorte bereitete der Hausschlachter ein bestimmtes Gemenge, das zum Teil feingeschnitten oder entsprechend grob oder fein durch den Fleischwolf gedreht und dann gewürzt wurde. Dieses Gemenge wurde gut durchmischt in die gründlichst gereinigten Därme gepresst. In den Magen kam die Sülze, in den Dickdarm die Rot- bzw. Blutwurst und in den Dünndarm die Koch-, Streich- und Bratwurst. Nur die harte Mettwurst, die ja später geräuchert wurde und die Beutelwurst bekamen Kunstdarm bzw. Leinenhüllen.

Es blieb immer das Geheimnis eines jeden Hausschlachters, was und wie viel mit welchen Gewürzen in die verschiedenen Wurstsorten hineingehörte. Um die richtige Würze zu finden, musste er zwischendurch immer mal wieder seinen Gaumen mit einem guten Schluck "neutralisieren". Später, nach getaner Arbeit, war dann oft der Heimweg mit dem Fahrrad sehr beschwerlich. Um die Erde nicht zu küssen, wurde es dann doch lieber geschoben.

Während der Schlachter die Wurstsorten bereitete, bekam die Hausfrau in ihrer "Einkochküche" reichlich Arbeit. Über Alles, was beim Wursten keine Hülle fand, machte sie sich her. Bratenfleisch musste angebraten und wie auch Leberwurst und ein Teil Blutwurst in Gläser gefüllt und im Einwecktopf eingekocht werden. Im Waschkessel wurde in der vorhandenen Fleischbrühe die in die Därme gepresste Wurst abgewellt. Platze dabei mal die Eine oder Andere, so kräftigte das nur die Brühe, denn diese Wurstbrühe war eingekocht in Weckgläser später die leckere Grundlage kräftiger Suppen.

Nun war auch die Zeit der ersten Gaumenfreuden für alle Beteiligten gekommen. Als Erstes bereitete der Hausschlachter eine große Portion Hackepeter. Auf frischem Brot oder sogar Brötchen, gut mit Zwiebeln garniert und dazu eine Tasse der kräftigen Fleischbrühe, das war schon mal die erste Entschädigung für Vieles an Mühe und Arbeit im Laufe des vergangenen Jahres.

In der Wurstküche war die Arbeit aber noch nicht getan. Ein großer Teil der Wurstbrühe, versehen mit Fleischresten und Schwarten, verwandelte sich dort durch Zugabe von Grütze und Gewürzen im Waschkessel (jetzt als Wurstkessel verwendet) unter ständigem Rühren in die von Allen so beliebte Hausmacher Hackgrütze.

Verwandtschaft und Nachbarn freuten sich schon auf eine gute Portion Hackgrütze und eine Milchkanne gefüllt mit Fleischbrühe. War es einem gelungen, durch List und Tücke einem an der Leiter hängendem Schwein den Ringelschwanz zu stehlen, so war ihm dafür eine gute Extraportion sicher.

Die letzten Arbeiten galten dann der Räucherware. Mettwurst, Speck und Schinken, Rotwurst und Zungenwurst wurden für einige Wochen zu Willi Dauelsberg in die Räucherkammer gebracht. Richtig gesalzen und die richtige Zeit in der Kammer unter Rauch besonderer Hölzer und Späne, das ergab Haltbarkeit und das gewisse Etwas an Gaumenfreuden, wenn die Räucherware auf den Tisch kam. Eine alte Sitte war es, dass der Schinken aber erst nach dem ersten Kukuksruf angeschnitten werden durfte (sollte).

War es nun ein Fest ???
Vom Frühjahr bis zum Herbst war es tägliche Arbeit, ob das Versorgen der Tiere durch die Hausfrau unter Mithilfe der Kinder oder die ständige Arbeit auf der Parzelle: auch hier mussten die Kinder ordentlich mithelfen. Daran war nichts "Festliches".

Das Schlachtfest war dann sicher immer eine kleine Entschädigung für all die Plackerei das ganze Jahr über. Wer allerdings an diesem Tag nicht Maß halten konnte und zuviel von all den leckeren Dingen naschte, bekam leicht Probleme und kam in den nächsten Tagen aus dem Häuschen mit dem Herzen oft so schnell nicht wieder raus.

War dann alles vorüber, blieb der Viehstall nicht lange verwaist: es wurde wieder Frühjahr und eines freitags war ja wieder Viehmarkt. Es wurde wieder gehandelt und dabei ordentlich in die Hände geschlagen. Dann waren erneut rosige Ferkel im Stall und es nahm alles wieder seinen Lauf.

War die Anforderung an die Hausfrau und auch an die Kinder schon unter normalen Umständen recht hoch, so war dies in den Jahren von 1939 - 1945 (meine Schulzeit war von 1938 - 1946) während des unseligen Krieges doppelt hart. Die Männer ab 18 Jahre waren Soldat und im Krieg. Die Alten, Mütter und Kinder mussten alles allein bewerkstelligen. Es durfte nur noch eine bestimmte Anzahl Schweine geschlachtet werden. Von den Behörden wurden Viehzählungen durchgeführt. Das sogenannte Schlachtfest musste angemeldet werden. Schwarzschlachten war bei Strafe verboten und wurde zumindest mit dem Entzug der Lebensmittelkarten für Fleisch und Wurstwaren geahndet.

Das war die Gute Alte Zeit
oder auch: Schön war die Jugendzeit!

So erleben und erlitten, Rudolf Nistler (ein Wolleaner)

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