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Das Wollekrankenhaus

von Frauke und Peter Frese

(Layout: Klemens Manemann)

Die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei in Delmenhorst, gegründet 1884, expandierte in den folgenden Jahren kräftig. Waren im Anfangsjahr ca. 100 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, so wuchs deren Zahl durch Zuwanderung bis zum Jahr 1930 auf 4500. Neue Werkswohnungen entstanden, ebenso mussten soziale Einrichtungen geschaffen werden. Auf dem Werksgelände gab es nur eine Sanitätsstube, wo ein Sanitäter Verletzte behandelte. 1888 wurde Dr. med. August Hempel als Fabrikarzt eingestellt.

In der Schrift " Die Delmenhorster Wohlfahrts-Einrichtungen der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei " von 1906, können wir als Begründung lesen: 
" Die Arbeiter verloren viel Zeit durch Warten während der allgemeinen Sprechstunde, teils konnten sie zu den ihnen am besten passenden Zeiten überhaupt kaum beim Arzt ankommen." Um keine Lohnabzüge zu riskieren, waren die Arbeiter bestrebt, den Arzt außerhalb der Arbeitszeit aufzusuchen.

Neben der ambulanten Behandlung konnte Dr. Hempel in seinem Wohnhaus am Privatweg in sechs Zimmern Patienten stationär versorgen. Bald schon reichte die vorhandene Bettenzahl nicht mehr aus. Auch das städtische Peter-Elisabeth Krankenhaus hatte mit seinen zwei Krankensälen zu wenig Platz für die vielen Neubürger. So wurde im Jahre 1890 ein Werkkrankenhaus für die Beschäftigten und ihre Angehörigen an der Stedinger Straße Nr.10 eingerichtet. Es lag im Interesse des Fabrikherren Lahusen, dass die Kranken eine optimale Versorgung erhielten, um bald die Arbeit im Betrieb wieder aufnehmen zu können.

Die Leitung des neuen Krankenhauses wurde Dr. Hempel übertragen. Dieses war für die damalige Zeit vorbildlich ausgestattet, es gab eine Ambulanz, ein Operationszimmer und ein Röntgengerät. Dadurch wurde die Erstversorgung der Unfallopfer erheblich verbessert. Auch größere Operationen konnten ohne Hinzuziehung eines Spezialisten durchgeführt werden.

Anfang des 20. Jahrhunderts konnten 65 Patienten aufgenommen werden. Es gab Zimmer mit 2 bis 5 Betten. Für 12 kranke Kinder war ein eigener Krankensaal vorhanden mit einer großen, beheizten Veranda. Im Sommer konnten sich die Rekonvaleszenten im Krankenhausgarten in Liegehallen erholen. Für Patienten mit ansteckenden Krankheiten wurde ein eigenes Isolierhaus mit 6 Zimmern eingerichtet. Im Jahr 1925 hatte das Krankenhaus über 100 Betten. Die Patienten wurden von dem Arzt, einem Assistenzarzt, einem Krankenwärter und von 5 Oldenburger Diakonissen betreut.

Der stationäre Aufenthalt, die ärztliche Behandlung und die Heilmittel waren für alle Betriebsangehörigen und ihren Familien kostenlos. Das Krankengeld betrug die Hälfte des durchschnittlichen Tageslohnes. Finanziert wurde die Krankenversorgung durch die Betriebskrankenkasse. Die Unfallversicherungsbeiträge wurden ausschließlich von der NW&K entrichtet.

Im 1. Weltkrieg wurde das Wollekrankenhaus ab 1915 auch als Lazarett für Kriegsverwundete genutzt.
Im Jahr 1911 trat Dr. med. Kirchberg die Nachfolge von Dr. med. Hempel an, und war bis zu einem Tode 1944 als Betriebs- und Vertrauensarzt im Werk tätig.

Das Wollekrankenhaus wurde 1928 geschlossen, da mit dem Bau der städtischen Krankenanstalten an der Wildeshauser Straße ein großes und modernes Krankenhaus für die gesamte Delmenhorster Bevölkerung zur Verfügung stand. In dem Gebäude an der Stedinger Straße entstanden Werkswohnungen . Heute ist eine Gaststätte in dem Haus. 

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