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Kontor

von Marianne Huismann

(Layout: Klemens Manemann)

das waren ja auch höher gestellte Leute (Zitat: Armine Böhmer)


Die NW&K war wie so viele andere Fabriken der damaligen Zeit eine eigene Welt mit einer ihr eigenen Hierarchie. Etliche neue Berufsgruppen entstanden durch Fabrikgründungen, am deutlichsten vollzog sich die Trennung der Beschäftigten durch die Einteilung in "Kopf- und Handarbeiter", in Arbeiter und Angestellte.

Die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei wurde 1884 als Aktiengesellschaft gegründet, deshalb stand an oberster Stelle der Rangordnung der Vorstand. Bei der NW&K gehörten diesem ausnahmslos Mitglieder der Familie Lahusen an. Fabrikbesitzer wie die Lahusen waren auf einen Stab von kaufmännischen- und technischen Mitarbeiten angewiesen, denn die NW&K war ein industrieller Betrieb mit eigener Einkaufs- und Verkaufsorganisation, sowie einer eigenen Bauabteilung.

Am ungewöhnlichsten für die Berufsgruppen innerhalb einer Fabrik, erscheint uns heute der Begriff Beamte. Schon der Begriff grenzt diese Gruppe von den Arbeitern ab, ein spezielles Beamtenbewusstsein wurde von Unternehmern wie Carl Lahusen meistens sogar gefördert. Wie bei den Staatsbeamten verband man auch bei den Privat- oder Betriebsbeamten der Fabrik bestimmte Werte mit dieser Bezeichnung. Besonders durch ihre Loyalität und Treue gegenüber dem Unternehmer, durch das Dienstethos mit uneigennützigen Fleiß, hoben sie sich von der Gruppe der Lohnarbeiter ab. Die Beamten nahmen innerhalb des Fabriksystems der NW&K leitende Funktionen wahr, sie unterschieden sich jedoch in technische Beamte wie z.B. Ingenieure oder Techniker und leitende kaufmännische Beamte.

Mit der Vergrößerung der Fabriken wurden die Arbeitsfelder vielfältiger und die Berufseinteilungen schwieriger. Zuerst wurde noch zwischen Beamten, Hilfsbeamten und Handlungsgehilfen unterschieden, erst nach 1900 setzte sich allmählich der Oberbegriff "Angestellte" für diese Berufsgruppen durch.

Schon im Aussehen unterschieden sich die "Kopfarbeiter" von den Arbeitern. Die Firmenleitung erwartete, dass sich die kaufmännischen Mitarbeiter ihrer Stellung gemäß kleideten. Im Büro trug man einen Anzug, weiße Hemden mit Krawatte oder Binder waren Pflicht. An der Kleiderordnung erkannte jeder den Rang. Die leitenden Mitarbeiter unterschieden sich durch feinere und stattlichere Anzüge von den anderen, die oftmals mit einfachen Anzügen und Ärmelschonern bekleidet waren. Im Gegensatz zu Arbeitern die wöchentlich Lohn erhielten, bekamen die Beamten ein monatliches Gehalt und Urlaub, außerdem hatten sie kürzere und flexiblere Arbeitszeiten. Fabrikbeamte, Meister und technische Fachkräfte wurden durch die Pensionskasse der NW&K zusätzlich versorgt. Die besondere Stellung und Bevorzugung kam somit auch bei der Altersvorsorgung zum Ausdruck.

Auf diese Weise konnte die Hierarchie innerhalb der Belegschaft verdeutlicht werden. Vielleicht wurde diese Trennung der Beschäftigten von Unternehmern auch bewusst gefördert, um ein Übergreifen von Arbeitskämpfen auf die Angestellten zu verhindern. Bei der NW&K beteiligten sich die Beamten und Angestellten an keinerlei Arbeitskämpfen oder Streiks der Arbeiterschaft. Ihre Interessen wurden durch eigene gewerkschaftliche Organisationen, wie der Beamtenbund und die Angestelltengewerkschaft vertreten.

Das patriachalische System der NW&K wurde auch in der Wohnbebauung für Beamte und Arbeiter deutlich. Die Beamtenwohnhäuser am Fabrikhof zeigen eine gewisse Tendenz zur Repräsentation, sie waren geräumiger und boten mehr Wohnkomfort. In ihrer architektonischen Gestaltung und im Grundriss variierten sie, außerdem errichtete man sie in unmittelbarer Nachbarschaft zur Unternehmer-Villa.

In einem der Beamtenwohnhäuser befand sich in den Gründungsjahren das Kontor, bis man es 1889 an die Nordwollestraße verlegte. Das neue Kontorgebäude war ein schlichter Bau im Wohnhausstil. Dies hing mit der früheren Nutzung des Gebäudes als Portier- und Logierhaus zusammen. Mit der Vergrößerung des Betriebes und dem Ausbau zum Konzern, benötigte die NW&K mehr Platz für anfallende Arbeiten in Verwaltung und kaufmännischem Bereich. Durch Anbauten in den Jahren 1905 und 1914, die sich dem Stil der vorhandenen Gebäude anpassten, entstand so ein zusammenhängender Verwaltungsbereich der sich an der Schaufassade, zur Nordwollestraße hin, durch angebrachte Markisen von der übrigen Gebäudefront abhob.

Auf der rückwärtigen Seite des Kontors lag der repräsentative Bereich. Hier, in unmittelbarer Nähe von Unternehmervilla und Park konnten Besucher empfangen werden. Sie blieben von den üblen Gerüchen und vom Qualm der Fabrik weitestgehend verschont. Lediglich ein Bahngleis, auf dem Rohwolle und Fertigprodukte transportiert wurden, durchquerte dieses Gebiet. Wahrscheinlich hat es keinen Besucher gestört, verdeutlichte es doch sichtbar das florierende Unternehmen.

Für ledige kaufmännische Mitarbeiter stand an der Hasberger Straße das Junggesellenheim (Herrenhaus) zur Verfügung. In diesem villenartigem Gebäude waren Lehrlinge in Einzelzimmern untergebracht, sie konnten außerhalb der Arbeitszeit Bildungsangebote nutzen, und Hockey oder Tennis spielen.

Ein separates Verwaltungsgebäude entstand 1927 unter Leitung des Sohnes und Firmennachfolgers G. Carl Lahusen in Bremen. Wie bei vielen Großunternehmen der damaligen Zeit sollte die steinerne Pracht dieses Bauwerks die wirtschaftliche Macht und Geltung eines modernen Großunternehmens darstellen. (Zahl der Mitarbeiter und Firmentöchter). Die Direktoren fuhren wie moderne Manager mit ihren Automobilen in die vorhanden Tiefgaragen und begaben sich dann in eine für sie vorgesehene Bel-Etagé. Eine Vielzahl an Angestellten begab sich mit Anzug und Hut gekleidet an den Arbeitsplatz und in den neuen Großraumbüros saßen Sekretärinnen und Stenotypistinnen und verrichteten dort ihre Arbeit.

Diese Demonstration der Macht dauerte jedoch nur einige Jahre. Nach dem Konkurs der NW&K 1931 musste das Gebäude verkauft werden, ein Teil der Beschäftigten verlor den Arbeitsplatz. Die restliche Belegschaft bezog wieder die alten Kontor- und Verwaltungsräume im Delmenhorster Stammhaus.
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