Diese Seite ohne Frames

Sortierung

von Frauke und Peter Frese

(Layout: Klemens Manemann)

Die ruhigste, hellste und höchste Abteilung der Fabrik

Ein bevorzugter Arbeitsplatz bei der Nordwolle war die Sortierung. Hier begann die Verarbeitung der Rohwolle in der ersten Stufe auf dem Weg zum fertigen Kammgarn. Der Sortierboden lag im obersten Stockwerk des Lagers B, die nach Norden gerichteten Sheddach-Fenster erzeugten ein gleichmäßiges, blendfreies Licht Es war ein heller, geheizter Raum ohne Maschinenlärm und war deswegen ein begehrter Arbeitsplatz für Frauen.

Die Wollsortiererin musste ein geübtes Auge und Fingerspitzengefühl haben, um die unterschiedlichen Feinheiten und Stärken der Haare herauszufühlen. Ihre Lehrzeit betrug gewöhnlich 1 1/2 Jahre, der Verdienst lag deutlich über dem der Maschinenarbeiterinnen. Akkordarbeit war ausgeschlossen, denn die Qualität hatte Vorrang vor der Quantität. Das Arbeitsgerät war eine kleine Schafschere, mit dieser wurden aus dem Wollvlies Brand- und Farbmarkierungen, starke Verschmutzungen und mindere Qualitäten abgeschnitten. Mitte der 20er Jahre waren über 200 Frauen in der Sortierung beschäftigt und ca. 1000 kg Wolle wurden pro Tag von einer Frau sortiert. Dabei war die Arbeitsleistung abhängig von der Beschaffenheit der Vliese. 

Die Schafwollvliese kamen in gepressten Ballen über die Bremischen Häfen nach Delmenhorst. Im Lager wurden die bis 600 kg schweren Wollballen angeliefert und nach oben auf den Sortierboden befördert. Die Ballen wurden geöffnet und die Vliese auf den Sortiertischen ausgebreitet. Um die gepressten Vliese zu lockern und sie besser trennen zu können, wurden sie mit Wasserdampf und durch Klopfen mit Stöcken bearbeitet. Hierbei erfolgte eine erste grobe Reinigung von Sand und Staub, der durch den Lattenrost der Sortiertische nach unten fiel.

Ein Vlies setzt sich aus verschiedenen Wollqualitäten zusammen, beurteilt nach Feinheit, Länge, Gleichmäßigkeit und Verunreinigung. Die besten Qualitäten sind Schulter und Flanken, dann folgen Nacken und Rücken, bis zu den geringeren Qualitäten wie Oberschenkel und Stirn. Je nach Herkunftsland der Wolle gibt es Qualitätsunterschiede, abhängig von der Rasse, dem Weideland und dem Klima. Für die Kammgarnherstellung wurden gleichmäßige, feine Haare versponnen. Je dünner und feiner die Garne werden sollten, desto mehr musste in der Sortierung darauf geachtet werden, alle Unregelmäßigkeiten auszumustern.

Im Gegensatz zur Fabrikarbeit wurde in der Sortierung nur in einer Schicht gearbeitet, um möglichst das Tageslicht auszunutzen. Es wurden 8 bis 14 verschiedene Qualitäten unterschieden. Jede wurde in einen besonderen Korb sortiert, der anschließend kontrolliert wurde. Dies war die Arbeit von Männern, den Repasseuren, die eine vier- bis fünfjährige Lernzeit hatten. Sie entschieden, ob die Sortierung wiederholt werden musste. Lag keine Beanstandung vor, wurden die vollen Körbe in die entsprechenden nummerierten Fächer im darunter liegenden Wollboden entleert zur Weiterverarbeitung.

Eine gute Sortierung bestimmte die Qualität des Endproduktes, des Kammgarns.
Noch bis in die 70er Jahre wurde die Wolle in Delmenhorst handsortiert. Allmählich wurde diese Arbeit immer mehr in den Erzeugerländern durchgeführt.

Der ruhige Sortierboden ermöglichte es den Sortiererinnen, während der Arbeitszeit miteinander Gespräche zu führen. Man kannte sich untereinander und war als Fachkraft nicht so schnell zu ersetzen. Das waren die Vorbedingungen, das von den Frauen des Sortierbodens mehrere Male die Vorbereitungen für Streiks ausgingen, mit denen man soziale Verbesserungen erzwingen wollte.1897 war der erste Streik auf der NW&K, 1909 legte ein Streik in der Sortierung die gesamte Produktion lahm. 

homepage Arbeitskreis Fabrikmuseum (Klemens Manemann)
Fragen, Anregungen ? Dann bitte 
 Mail an manemann@fabrikmuseum.de